Virginia Stephenson

 

Die Mutterschaft Gottes1

 

Guten Morgen, es ist schön, hier zu sein!

 

In der Meditation kam mir als Thema die Anerkennung der Mutterschaft Gottes in den Vereinigten Staaten von Amerika. Mrs. Eddy und Myrtle Fillmore und zwei weitere Damen aus Denver, die die Kirche der Göttlichen Wissenschaft gründeten – wie sehr haben diese amerikanischen Frauen mit ihrer Botschaft die Welt für ein neues Zeitalter geöffnet! Bis dahin war der menschliche Geist nicht verstanden worden. Diese Frauen verstanden aber dies: Gott, der Vater, Gott, der Sohn, und Gott, der Heilige Geist, stellt Vater, Mutter und Kind dar. Das Kind war immer die spirituelle Idee der Einheit von göttlichem Geist und Seele. Diese Frauen waren also lebendige Seelen, die die spirituelle Botschaft ihrer Zeit hervorgebracht haben und gezeigt haben, dass das menschliche Denken universell ist und nicht dem Gehirn entspricht.

 

Das Gehirn ist ein Körperorgan, aber der Geist ist ein universelles Instrument. Metaphysiker sehen diesen Geist als Gott an, wir aber erkennen ihn als Instrument der Erkenntnis. Durch dieses Verständnis erweiterte sich das menschliche Bewusstsein. Edison entdeckte die Elektrizität; Telegraphie und Radio wurden entwickelt. Es gab Autos und andere Dinge, die über Jahrtausende nicht erschaffen wurden. Wieso, wo doch derselbe Verstand immer da war? Es wurde aber nicht verstanden, dass das Denken ein Instrument der Erkenntnis ist und dass sich durch den Geist die spirituellen Ideen von Allgegenwart, Allmacht und Allwissenheit entfalten können. Die Allgegenwart erschien als Telegramm, als Radio, später als Fernsehen und nun als all diese elektronischen Geräte. Und das liegt an diesen bedeutenden Frauen. Das ist die Mutterschaft Gottes.

 

Allwissen ist die Fähigkeit, jedes menschliche Planen und Entwickeln aufzugeben und vollständig leer zu werden. Dieser weibliche Aspekt der Göttlichkeit ist die Empfänglichkeit. Durch diesen Aspekt konnten die erwähnten geistigen Ideen Form annehmen und zum Ausdruck kommen. Wenn wir also beten, geht es nicht um Worte, Gedanken oder Rituale, sondern um die innere Stille und Empfänglichkeit in der Anerkennung, dass wir in einem geistigen Universum leben. Wir leben nicht zwischen zwei Reichen, zwischen zwei Universen. Wenn ihr so denkt, vermeidet ihr eure Erfahrung der Ganzheit. Wir leben in einem spirituellen Universum und erleben es womöglich auf menschliche Weise. Das ist aber nur das Erleben, eine unbedeutende Erfahrung.

 

Wenn wir täglich meditieren und bewusstes Einssein mit Gott, mit göttlichem Geist erleben, werden wir vervollständigt. In dieser Gemeinschaft von Seele und Geist herrschen nämlich Ganzheit und Vollständigkeit. Da der menschliche Geist die Substanz der sogenannten Materie ist, verwandelt sich so auch die materielle Auffassung hin zur Ganzheit. Wenn wir also in der Meditation in diese Leere gehen und die persönliche Auffassung, unsere persönlichen Errungenschaften, unsere Person beiseite lassen und diese Leere spüren, befinden wir uns im Seelengewahrsein, in der Empfänglichkeit, und das ist die Heilige Mutter. Wovon? Von jeder geistigen Idee, die dann auch zu jeglicher Gnade wird, an der sich das Menschsein erfreuen kann. Das ist die aktive innere Kommunion, das Gebet. Unser Anteil daran ist die Mutterschaft, nämlich die mentale Ebene des Vorüberlegens, Planens, Erreichens und Bekommens wegzulassen. All das ist der materielle Sinn.

 

Habt eine Liebesaffäre mit dem Heiligen Geist. Fühlt die Freude, die aus dieser Vereinigung, diesem Einssein erwächst, wenn der göttliche Geist uns in unserer Seele mit neuer Energie, neuen Ideen, neuer Stärke, neuer Weisheit und neuen Visionen befruchtet. Das ist das mystische Leben, das Leben aus unserer Mutterschaft Gottes, aus unserer Seelenmitte, aus der alles Gute fließt. Ich bin der E-Mails meiner alten metaphysischen Freunde überdrüssig, dass sie dieses oder jenes heilen möchten, ihren schmerzenden Zeh oder ihre schwachen Augen. Das ist so dumm. Wieso wollen sie nicht einen ganz neuen Körper? Wieso sollten wir nicht ganz neu in Christus werden? Wieso streben wir nicht nach der ganzen Idee von Ganzheit und Vollständigkeit? Viele aber können den persönlichen Sinn nicht loslassen.

 

Wenn es einen Teufel gibt, ist es dieser persönliche Sinn, das kleine Ich, das kleine Ego, das erreichen und bekommen möchte und groß herauskommen will. Muttersein dagegen ist ein wunderbarer Aspekt der heiligen Dreieinigkeit. Sie äußert sich im körperlichen Sinn als Mann und Frau. So ist jeder von uns, egal ob Mann oder Frau, im Gleichgewicht, denn die Männlichkeit trägt die Weiblichkeit, und die Weiblichkeit trägt die Männlichkeit. Wir alle sind vollständig in ihm. Wenn wir jung sind, wissen wir das aber noch nicht und suchen es in der anderen Form, was eine wunderbare Erfahrung ist.

 

Für mich ist Mutterschaft auf der menschlichen Ebene eine wunderbare Erfahrung. Es gibt wohl kaum etwas Freudigeres für junge Menschen, wenn sie sich klarmachen, dass Gott der einzige Schöpfer ist und das Leben für das Kind eine dauernde, freudige Ekstase ist. Aber dann gewinnen wir an Reife und wollen, dass diese Freude anhält. Dazu müssen wir lernen, recht zu beten. Und dabei ist unsere Aufgabe, uns dem Vater im Innern hinzugeben, der die Werke tut. Wir merken, dass wahres Gebet darin besteht, in der Allmacht zu ruhen. Wir lassen das Denken ruhen in der Machtlosigkeit. Wir gönnen auch dem Körper Ruhe. Unser Denken rotiert nicht, es entspannt sich wach und aufmerksam im Augenblick. Für jedes Problem, das dann auftaucht, erhalten wir eine Antwort, wenn wir in der Allmacht ruhen. Und wir machen durch neue Ideen ständig in dieser Kunst Fortschritte, oder in jeder anderen Kunst, die wir betreiben. Die Neuheit des Lebens lädt uns wieder auf. Wir horchen auf das Allwissen. Das entspricht der Mutterschaft mit ihrer Zeit der Schwangerschaft.

 

Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der vor vielen Jahren in unserer Kirche war. Er war Flugzeugingenieur und hatte viele Erfindungen zur Luftfahrt beigetragen, so zum Beispiel die Scheibenwischer und Enteiser am Flugzeug. Ich fragte, woher er denn die vielen Ideen habe. Er sagte, dass er beim Reisen von Auftrag zu Auftrag innerlich immer horcht und dass Ideen einfach kommen, die er dann aufschreibt. Das ist Meditation. Er hatte eine Ingenieursausbildung, aber er wusste auch, dass das Allwissen da ist. Allwissen hat die höchste Antwort für jedes Problem. Er sagte: „Wann immer ich eine Antwort brauche, steige ich ins Flugzeug und bekommen meine Antworten.“ Ich hatte beim Fliegen ebenfalls enorme Inspirationen. Das war allerdings damals, als fliegen noch inspirierender war als heutzutage, wo es eher einer holprigen Busfahrt gleicht.

 

Einmal erzählte dieser Mann von einem Gespräch mit Einstein, der damals, so glaube ich, Professor an einer Universität der Ostküste war. Einstein befragte ihn auch zu diesen Erfindungen. Der Erfinder antwortete, dass er einfach sein Denken von allen zersetzenden Gedanken leert und wartend dasitzt, bis eine Lösung kommt. Er sprach nicht davon, dass er die Allwissenheit die Arbeit tun lässt, aber Einstein sagte, dass er auch so arbeite.

 

Auf diese Weise zapfen wir die Unendlichkeit der spirituellen Ideen an, die inzwischen Raum und Zeit fast zum Verschwinden gebracht haben. Man sieht es an diesen kleinen Geräten, die nun fast jeder nutzt. Mit ihnen hat man alles immer sofort parat und ist mit allen auf der Welt in Kontakt. Das ist wunderbar. Wenn ich auf meinem Computer die ganzen E-Mails aus Australien, Neuseeland, England, Frankreich sehe, finde ich das so wunderbar. Jeden Samstag gibt es ja auch die globale Vortragsgruppe, bei der 144 Länder beteiligt sind – Indien, Afrika, China, Australien, Südamerika, von allen Weltteilen sind Teilnehmer dabei. Es gibt ein Erwachen und die Mutterschaft ist so nötig für das Erwachen. Wir müssen lernen, still zu sein und nicht zu grübeln – nicht über die Vergangenheit, nicht über die Fehler, nicht über die Zukunft. Es ist wie auf einem Bildschirm, wo wir keine alten Bilder feststecken haben wollen. Nein unser Denken sollte frei, wach, wachsam, aufmerksam und im gegenwärtigen Augenblick sein.

 

Ich weiß, dass das schwer ist. Für mich besonders, wegen meiner reichhaltigen menschlichen Geschichte, an der so vieles außerordentlich gut war. Da ist es einfach, in eine Traumwelt abzuschweifen und die schönen Momente der Vergangenheit wieder zu erleben. Das ist aber nutzlos. Es nutzt nur, jetzt für die göttliche Liebe verfügbar zu sein, die die wahre Essenz Gottes ist. Sie kennt unsere Bedürfnisse, bevor wir es tun. Haltet den ganzen Tag über viele Meditationen und sagt: „Ich lausche, ich horche; hast du irgend etwas zu sagen?“ Bleibt geöffnet, damit ihr immer bereit seid – „semper paratus“, wie das Motto der Küstenwache lautet. Seid immer bereit, immer vorbereitet, immer da, wenn ein Bedarf entsteht. Das ist das Heilungsbewusstsein. So einfach ist es. Wir tun nichts, sondern sind ganz und heil. Ihr seid ein heiles, ein vollständiges Instrument. Und wenn etwas mit eurem Körper nicht in Ordnung ist, dann bläht es nicht in eurem Denken auf. So wird es einfach wegfallen. Es kommt nämlich nicht von Gott. Gott weiß nichts davon. Und wie sollte Gott es heilen, wenn er es gar nicht kennt? Wenn wir es nicht nähren und aufpäppeln, fällt es einfach weg.

 

Das ist aber das Schwierige daran. Wenn etwas wehtut, wollen wir es hätscheln. „Oh, mein Knie“, oder was auch immer! Jedes Mal, wenn wir merken, dass wir uns dem Elend zuwenden und es hätscheln, sollten wir innehalten und sagen. „Nein, ich ehre das, was ist. Nur das Ist überwindet die Welt und nur eines ist: Ich und der Vater sind eins. Ich bin ein vollständiges Seelenwesen. Mein Geist, mein Denken, mein Körper sind göttlich ausgerichtet. Und in diese Richtung bewege ich mich. Ich weiß, was nicht wie Gott ist, kann keinen Bestand haben. Es ist ein Nichts und ich muss nicht versuchen, es loszuwerden.“ Wenn wir versuchen, es loszuwerden, wird das ein schwieriger Kampf. Es ist aber nicht an uns zu kämpfen. Gott ist das Licht der Welt. Jedes Problem wird damit zum Schatten. Lasst also das Licht Licht sein.

 

Ihr merkt gleich, wenn ihr im Licht seid, denn dann seid ihr froh und leicht und frei. Ihr sorgt euch dann nicht mehr. Ihr geht nicht unbedingt trällernd umher, aber ihr könntet es. Jedenfalls seid ihr froh und frei – ein vollständiges Seelenwesen. Das ist tatsächlich euer Muttersein. Euer Vatersein ist Aktion, aber diese Aktion ist für uns ein Ruhen in der Aktion, da Allmacht Nicht-Macht ist. Das gilt für alles. Wenn wir es berühren, riechen, fühlen, sehen oder hören können, hat es keine Macht. Alle Macht ist im Bewusstsein. Es ist das Bewusstsein, das ich bin. Mein bewusstes Gewahrsein ist Allmacht. Wenn ich also bewusst merke, dass sich jemand abmüht, kann ich still und im Frieden sein und dadurch hilfreich wirken. Ich muss demjenigen nichts suggerieren, nichts raten, ich muss nur mitfühlend und still sein – ohne Urteil, ohne Kritik, ohne Meinung dazu. Keiner ist weniger rechthaberisch als wir, weil wir wissen, dass wir nur Schauspieler sind auf der Bühne dieser Welt und das Stück schon geschrieben ist. Im Stück steht, dass das Reich Gottes hier und jetzt ist. Wacht also auf und erfreut euch daran. „Erwache, du Schläfer, und Christus wird dein Licht sein.“ Der Christus aber ist dieser stille Zeuge in euch, der immer da ist. Spürt ihr nicht manchmal, wenn ihr still seid, dass da etwas bei euch ist? Es ist etwas da! Euer wahres Sein, das immer gegenwärtig ist. Es ist euer Gott-Wesen, das immer bei euch ist. Auch wenn ihr durch das Tal der Todesschatten wandelt, bin ich da. Ich bin immer da.

 

Wir müssen also wirklich nichts befürchten und nichts hassen. Es ist wie in einem Film. All diese Dinge, die keine Wirklichkeit haben, werden vergehen. Sie sind nicht von Gott. Wenn wir sie aber bekämpfen, geben wir ihnen Energie. Sie loswerden zu wollen, ihnen Widerstand entgegenzusetzen, gibt ihnen Kraft. „Widerstrebt nicht dem Bösen.“ Wieso? Weil wir ihm dann die einzige Macht, geben, die es besitzt. Und als Folge davon befinden wir uns im Streit mit dem Bösen, bei dem es einen Sieger und einen Verlierer gibt, wie bei jedem Streit. Streitet also nicht. Joel sagte, dass Anwälte und Buchhalter als letzte ins Reich Gottes kommen. Weil sie immer noch ein Gegenargument haben. Und es stimmt, dass wir uns keinen streitbaren Geist erlauben können. Lasst euch auf keinen Streit ein. Und ich spreche als erstklassiger Streitpartner, dem es sehr schwerfiel, nachzugeben. Aber es nützt euch nichts. Wenn ihr dieses Leben von Freude, Frieden und Harmonie leben wollt, lächelt ihr, statt zu argumentieren. Jeder hat ein Anrecht auf seinen Standpunkt. Schenken wir also jedem diese Freiheit.

 

Die Mutter des Lebens ist tatsächlich Liebe. Alles, was Mutterschaft ausmacht, ist ein Bündel an Liebe. Am Muttertag geht es ebenfalls nur um Liebe. Ich bin sehr damit einverstanden. Wo Mutterschaft ist, ist auch Bruderschaft. Die Mutterschaft Gottes ist die tatsächliche Beziehung der irdischen Mutterschaft. Und die Mutterschaft Gottes sorgt und wacht und ist wachsam. Mütter bewachten und versorgten die Tiere, die Kinder, die Ehemänner, damit alle das Richtige essen und anziehen. Immer wach und aufmerksam. „Wacht und betet!“ Wache zu halten, ist das Wesen des Mütterlichen. Ebenso wie das Anleiten und Korrigieren der Kinder auf sanfte, freundliche Weise.

 

Wie können wir ein Kind spirituell zurechtweisen? Wir sagen ihm am besten: „Du bist der Ausdruck Gottes, du bist Liebe am Werk. Und ist dies eine liebevolle Tat?“ Wenn das Kind verneint, sagen wir, dass es dann keinen Grund gibt, so zu handeln. Wir fragen: „Hilft es, wenn du dies tust?“ „Wieso tust du es dann überhaupt?“ „Was du sagst, ist das etwas Nettes?“ Und die Kinder wissen, ob es so ist. „Warum solltest du das dann überhaupt sagen?“ Wir können lernen, ohne körperlichen Zwang zu korrigieren und vor allem selbst das Beispiel vorzuleben: von der Seele aus zu leben, nicht vom konditionierten Denken aus. Erkennt eure Beeinträchtigungen im Denken. Wir haben so viele davon, die sich auf Identifikation mit einer Volksgruppe, mit einem Geschlecht beziehen, oder die Meinungen über Nahrung, Geld und vieles mehr beinhalten. Schaut diese Denkmuster an und fragt euch, ob ihr auf bestimmte Reaktionen konditioniert seid. Wenn es so ist, wollen wir dieser Reaktion täglich absterben, bis wir so unbeeinträchtigt sind im Denken und Reagieren, dass wir wie ein kleines Kind sind – spontan, fröhlich, frei. Wir genießen alles Gute und Angenehme dieser Welt und erleben das Negative nicht.

 

Lasst uns einen Moment der Meditation halten – in dieser Mutterschaft. In diesem liebevollen friedlichen Seinszustand, der keinen Wunsch und kein Verlangen hat, weil wir wissen, dass ich in meinem bewussten Einsein mit Gott eins bin mit allem Guten Gottes. Und Gott ist unendliches Gutes. Gott ergießt sich in unendlicher Form und Vielfalt, und diese Gnade ist immer am Werk. Im Haus meines Vaters, im Bewusstsein meines Vaters, gibt es viele Grade geistiger Entfaltung, und alle sind gnadenvoll, wahr, schön, freudig und beseelt.

Wir merken so, dass wir durch unsere Mutterschaft ohne Worte und Gedanken heilen können. Wir heilen dadurch, dass wir diese Glückseligkeit, dieser Frieden, diese Freude, diese Freiheit sind, welche nie durch menschliches Denken gefesselt werden.

Danke!

 

 

1 Vortrag von Virginia Stephenson zum Muttertag 2018 in Honolulu, Hawaii. Die Originalaufnahme ist bei www.alohamystics.com unter dem Titel „The Motherhood of God“ anzuhören.

 Dieser Vortrag ist im Heft EinsSein 03/2021 veröffentlicht.